Wuschelig-wolliges Stall-Erlebnis

Wuschelig-wolliges Stall-Erlebnis

Scherer Klaus Schmidt sorgt dafür, dass Schafe im Winter nicht ins Schwitzen kommen

GRÜNMETTSTETTEN. Vier Hände packen kräftig zu, ein Ruck und das Hinterteil sitzt auf dem Frisörsessel. Den Kopf klemmt Klaus Schmidt routiniert unter den linken Oberarm. Mit surrendem Messer zieht er Bahn und Bahn, dass die dicke Wolle nur so abfällt. Heraus kommt ein frischgeschorenes Schaf: „Mäh!“ Und schon ist das nächste dran. Gestern war Schafschur bei Familie Wehle am Aschenberg.

Klaus Schmidt weiß, wie er die Schafe packen muss, um sie gänzlich von der dichten Wolle zu befreien. Ihm zur Seite stehen Caroline und Marcel Wehle. Bild: Kuball

Mehr als fünf, sechs Minuten braucht Klaus Schmidt aus Oberiflingen kaum, um ein ausgewachsenes Schaf – das gut und gerne 80 bis 100 Kilo auf die Viehwaage bringt – von Kopf bis zum Schwanz, am Rücken, Bauch und allen vier Läufen zu scheren. Insgesamt wird‘s zehn bis elf Stunden dauern, bis er alle 90 Mutterschafe von der dicken Wolle befreit hat.

„Wir machen das jetzt, weil die Schafe den Winter über etwa vier Monate lang im warmen Stall sind“, erklärt Lothar Wehle. Mit der ganzen Wolle am Leib kämen die Schafe bald ins Schwitzen und würden sich womöglich eine Lungenentzündung holen. Also kommt das Fell bis auf wenige Millimeter weit runter: „Ohne Pelz fühlen die sich im Stall richtig wohl“, ist Wehle überzeugt. Zudem gibt‘s jetzt wieder Platz im Stall. Und Wehle sieht auf einen Blick am Euter, welches Schaf trächtig ist. An die 40 werden bis Neujahr noch werfen, meint er. Manche schaffen‘s alleine, andere brauchen Hilfe.

Erstmal ganz schön ins Schwitzen kommt derweil Schafscherer Schmidt aus Oberiflingen. Der hat selbst eine kleine Schafherde und sich bei einem Kollegen abgeguckt, wie die zwei Zentner Schaf bei dem Prozedere im Griff zu halten sind. Mit ganzer Kraft stoibert er den Oberschenkel gegen das Schaf, „frisiert“ auch sauber zwischen den Ohren, während ihm selbst der Schweiß auf der Stirn steht. „Geschenkt kriegt der nichts, das geht gewaltig ins Kreuz“, so Wehle. Dem Scherer zur Hand gehen Nachbar Stephan Schatz und der Bildechinger Schäfer Uli Nester. Und wie schon in den Vorjahren haben sich auch etliche Kundinnen des Grünmettstetters Selbstvermarkters mit ihren Kindern eingefunden, die bei Punsch und Glühwein ihre helle Freude an der Ritsch-Ratsch-Aktion haben. Hilft hier doch die ganze Familie mit. Marcel (8) und Caroline (5) stopfen die Wolle in große Säcke und nehmen schon auch mal zwei der jüngsten Lämmer auf den Arm, die gerade mal drei Tage alt sind. Sehr zum Entzücken der kleinen Besucher, die alle mal streicheln dürfen: „Sind die süß!“

Pro Mutterschaf fällt etwa eineinhalb Kilo reine Schafwolle an. Das entspricht dürftigen 60 Cent, die‘s dafür bei der Sammelstelle im Saarland gibt. Wehle: „Mit dem Ertrag kann ich nicht mal den Schorer zahlen.“ Bei der Fell-Vermarktung sähe es nicht besser aus, koste doch allein schon das Gerben eines Felles 25 Euro und eben deshalb lässt Wehle das ganz sein. Er hält lieber noch an die 80 Puten im Freilauf, die alle im November von ihm als Metzger selbst geschlachtet und vermarktet werden.

Geschoren werden die Mutterschafe indes einfach deshalb, damit‘s ihnen gut geht. Den Sommer über grasen sie insgesamt 25 Hektar Weide ab, zwölf davon direkt am Haus im Naturschutzgebiet. Im Winter kommt dann die ganze Herde samt der etwa 120 Lämmer in den Stall direkt am Wohnhaus. Dort wird eingestreut und mit Hafer, Weizen, Mais und Grassilage gefüttert. „Wachstumsförderer kriegt bei mir kein Schaf. Und Glutamat gibt‘s auch nicht!“

Gleich neben dem Stall ist der Schlachtraum, in dem Metzger Wehle die Lämmer schlachtet und küchenfertig zubereitet. „Das geschieht alles stressfrei vor Ort“, so der Metzger, der die Schäferei schon von seinem Vater Ulrich übernommen hat.

Besonders zu Ostern und islamischen Feiertagen (wie etwa Kurban zum Ende des Ramadan am 20. Januar) ist die Nachfrage enorm. Rund zwei Drittel der Kundschaft sind Moslems. Bei Deutschen, so sagt Wehle, ist‘s noch von früher her verrufen. Zu unrecht, wie er meint. „Damals wurden nur alte Schafe geschlachtet, die haben gebockelt und gestunken. Heute kommen nur fünf bis sechs Monate alte Lämmer dran. Das ist ganz was anderes.“ Vor kurzem hat er bei der Versteigerung in Herrenberg eigenes einen Merino-Zuchtbok gekauft, eine Rasse, die dafür bekannt ist, nicht zu stinkt. Prinzipiell gilt: Alles Fett muss sauber weggeschnitten werden.

Quelle: Kuball, www.neckar-chronik.de, 18.12.2004

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