Würstle-Grillen am Judas-Feuer

Würstle-Grillen am Judas-Feuer

Rache-Ritual: In Grünmettstetten erhängen und verbrennen Jugendliche eine Puppe – als Verräter
 
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Karsamstag-Morgen, in aller Herrgottsfrühe: Einen knappen Kilometer vom Sportplatz entfernt ist der Schein eines Feuers zu sehen. Es brennt auf einem steinigem Plätzchen, das von Hecken begrenzt wird. Dahinter stehen drei Autos und ein Motorroller. Die meisten, die hier lagern, haben noch keinen Führerschein – Jugendliche aus Grünmettstetten, zwischen 13 und 18 Jahre alt. Die Achtklässler aus dem Ort haben traditionell zum „Judas-Verbrennen“ geladen. Die Organisatoren kommen aus den Reihen der Ministranten.

Für manche ist es die erste Nacht, in der sie länger als „bis am Zwölfe“ von Zuhause weg sein dürfen. Die Eltern durften das in ihrer Jugend auch, teilweise schon die Großeltern. Früher brannte das Feuer auf dem Kirchplatz. Im Morgengrauen, wenn der erste Hahn krähte, wurde seinerzeit der Judas in Gestalt einer Puppe gehängt und verbrannt. Der Pfarrer entzündete in den Flammen die Osterkerze. Heute halten die Jugendlichen Würstle über die Glut. Nach der Zeit, zu der das Ritual vollzogen wird, kräht kein Hahn mehr.

Was in einem symbolischen Mord endet, beginnt ähnlich der Hocketen, die Wochen später um die Maibäume herum sind. Ein Saufgelage sei das „Judas-Verbrennen“ geworden, erzählt einer. Es gibt kastenweise Bier. Mancher scheint hier seine erste Zigarette zu rauchen, wie es vor einem Jahr in einem überregionalen Bericht über den Grünmettstetter Brauch in der „Jungle World“ stand. Einige Glimmstängel machen in kleinem Kreise die Runde, nachdem sie unbeholfen entzündet worden sind. Zwischendurch singen die Jugendlichen Ministranten-Lieder. Die Ministranten haben den ehemals kirchlichen und zugleich unchristlichen Rache-Brauch über die Jahre am Leben erhalten. „Steck dein Schwert in die Scheide“, soll Jesus zu seinem Jünger Petrus gesagt haben, als er einem Diener des Hohepriesters bei der Gefangennahme Jesu ein Ohr abgeschlagen hatte. Jesus wollte keine Rache. Im Gegenteil: Er praktizierte die Feindes-Liebe, indem er sogar das Ohr wieder heilte – so ist‘s überliefert. Ob die Grünmettstetter Jugendlichen mal beim Ministranten-Treffen über die Hintergründe des Rache-Rituals gesprochen haben? „Nein“, lautet die Antwort.

Woher der Brauch kommt, weiß am Lagerfeuer keiner. Der religiöse Hintergrund sei aber schon noch gegeben, meinen einige. „Judas hat Jesus verraten.“ Eine Sünde sei das gewesen, erklärt einer der Organisatoren. Jesus habe sie zwar vergeben, aber es sei halt schon eine schwere Sünde gewesen. Dass die Hinrichtungs-Szene brutal ist, das ist dem Jugendlichen bewusst. Vielleicht sei die Symbolik so zu verstehen, dass das Böse nicht siegen könne. Davor sagte einer: „Es ist nicht so, dass wir den wirklich hängen würden.“

Gegen 3 Uhr wird am Feuer Holz nachgelegt: „Nô sollet se nomôl schiera für da Judas“, sagt jemand. Unter den Jugendlichen macht sich Unruhe breit. Die Achtklässler müssen allmählich versuchen, ihre bekleidete Strohpuppe aus dem Versteck zu holen. Die Älteren wollen ihnen die Figur abzunehmen, um sie hernach gegen Bier eintauschen zu können. Auch das gehört dazu. Die Älteren haben Posten rings um den Lagerplatz herum aufgestellt.

Um 3.15 Uhr wird noch einmal Holz nachgelegt, gegen 3.30 Uhr ist der Judas da – allerdings zweigeteilt und in falschen Händen. Was tun? So lässt er sich nicht einmal hängen. Minuten später trifft immerhin der rund vier Meter hohe Galgen ein. Den haben die Älteren nicht erwischt. Nach ein paar weiteren Minuten ist ein Ersatz-Judas da. Von da an geht alles ganz schnell. Ein paar Jugendliche halten den Galgen, andere binden die Puppe fest. Das Seil ist etwas zu lang, also wird es ein paarmal um den Querbalken gewickelt. Aus dem Hintergrund schreit einer: „Hängt das Schwein.“

Ein Loch ist vorbereitet – ein Galgen-Ständer. Er wird so aufgestellt, dass die Judas-Puppe mitten ins Feuer hinein hängt. Ein Mädchen murmelt: „Der sieht aus wie echt.“ Außer den Kleidern hat die Puppe noch einen Hut aufbekommen, den jemand aus Opas Arsenal ergattert hat. In wenigen Sekunden fängt die Strohfigur Feuer – der Kopf hängt am längsten. Der zweigeteilte „Judas“ wird hinterher geworfen.

Nachdem das Strohfeuer niedergebrannt ist, halten die ersten wieder ihre Würstle übers Feuer. Zwei Mädchen wirken betroffen. Sie bedauern, dass alles so schnell ging, wo doch das Annähen der Socken so ein schwieriges G’schäft war. Dann wird noch der Galgen verbrannt.

 
Text: Von Andreas Ellinger
Online-Redaktion: tagblatt online www.neckar-chronik.de

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