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§ 33 Das Storchen-Lied

§ 33 Das Storchen-Lied

Dieses Heimatbuch wäre nicht vollständig, wenn nicht auch der Storchen gedacht wäre. So wie jeder Einzelne im Dorf einen zweiten Namen, sei es Haus-, oder Über- oder Spitzname, besitzt, so hat auch jedes Dorf seinen Spitznamen. Jedes Dorf weiß den seinen und auch den der Nachbargemeinde. Wenn ein Bittelbronner durch Grünmettstetten geht, so muß er damit rechnen, daß von irgend einer Hausecke vor ein “Gizle!” “Gizle!” zu hören ist oder daß “gemeckert” wird. Umgekehrt wird kaum ein Grünmettstetter das Dorf Bittelbronn passieren können, ohne sein liebes “Storch!” “Storch!” hören zu müssen. Wie alt die Spitznamen sind, kann nicht mehr festgestellt werden, jedenfalls schon vor 100 Jahren haben sich beide Gemeinden mit den Übernamen herausgefordert, wie Vikar Faßnacht um 1864 herum in der Chronik es niedergeschrieben hat.

Ebenso ist auch der Grund, warum man die Grünmettstetter so heißt, nicht zu erfahren. Erst hintendrein reimt man sich etwas zusammen, um eine Bestätigung für den Spitznamen zu erhalten.

So heißt es von den “Grünmettstetter Storchen”:
Vor langer Zeit, anno dazumal, als die Grünmettstetter Ratsherren samt ihrem Schultheiß noch Lederhosen trugen, überflog ein Storchenpaar den Ort und suchte auf dem Kirchturm zu nisten. Wegen des schiefen Turmes aber zogen die Störche es vor, drunten in den Unteren Wiesen ihr Camping aufzuschlagen, zumal der Weg zur Steinach, wo sie ihre Nahrung suchten, wesentlich verkürzt wurde. Der betreffende Wiesenbesitzer meldete dies, wie es Sitte und Brauch im Orte war, auf dem Rathaus und klagte über Flurschaden der beiden Rotschnabel. Nun, eine so wichtige Entscheidung konnte das Dorf Oberhaupt nicht allein entscheiden. Wozu hatte er seine Ratsherren? Also wurde eine Sitzung anberaumt, in der über zu ergreifende Maßnahmen zu beraten war. Von der Anbringung einer Verbotstafel versprach man sich nicht viel. Man argumentierte: Wenn schon unsere Bauern sich um aufgestellte Verbotstafeln wie z.B. “Schuttabladen bei Strafe verboten!” nicht kümmern, dann sei es den Störchen nicht zu verargen, wenn auch sie solche Schilder ignorierten. Ein findiger Gemeinderat meinte nun: man solle auf einem benachbarten Bauernhause ein Wagenrad auf den Dachfirsten setzen und ein molliges Heim für die Störche herrichten, dann würden sie bestimmt dort oben nisten. Gesagt, getan! Aber den Störchen fiel es bei weitem nicht ein, den Gemeinderäten den Gefallen zu tun und einen Wohnungswechsel vorzunehmen. Da das Gras schon hoch stand, konnte sich jedes von einem nicht geringen Flurschaden überzeugen. Ein noch schlauerer Ratsherr machte nun den Vorschlag, Frösche zu fangen und sie ringsum an das am Dach befestigte Wagenrad zu hängen, um die Störche anzulocken. Das wurde von allen Räten gutgeheißen. Man befahl dem Feuerwehrkommandanten, mit seiner Wehr das zu bewerkstelligen. Aber auch auf diesen Vorschlag gingen die Störche nicht ein. Es blieb also nichts anderes mehr übrig, als daß man eine gewaltsame Entfernung des Storchenpaares ins Auge fassen mußte. Also entschied der Schultheiß nach einer langen Debatte; Damit bei der Entfernung bzw. bei der Jagd auf die Störche von denselben kein weiterer Flurschaden angerichtet werde, sollen 6 beherzte Gemeinderäte unter seiner Anführung, ausgerüstet mit einer Tragbahre, sich in aller Frühe, wenn die Störche noch schlafen, sich an das Nest im Schutz des hohen Grases heranpirschen und dann die beiden Störche, um weiteren Schaden von seiten der Störche zu verhindern, auf der Bahre aus der Wiese heraustragen. Ob dem hohen Kollegium voller Erfolg beschieden war, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Jedenfalls hatten die Grünmettstetter ihren “Spitznamen”!!