Selbstvermarktung in Stuttgart

Selbstvermarktung in Stuttgart

Die traditionelle Landmetzgerei Schetter aus Grünmettstetten wird in der Bauernmarkthalle geschätzt

STUTTGART/GRÜNMETTSTETTEN. „Wir haben heute mal Appetit auf Rouladen. Und den Tafelspitz nehmen wir auch mit.“ Bevor Walter und Ingeburg Müller ihr Einkaufswägelchen munter weiter durch die Stuttgarter Bauernmarkthalle schieben, bestellen sie bei „Schetter“ noch vorsorglich einen Kalbsnierenbraten – und machen Verkäufer Mario Zaspel ein großes Kompliment: „Früher waren wir ja immer bei ‚Schlemmermayer‘ in der Innenstadt. Aber hier ist‘s genauso gut – ist ja schließlich ‘ne Landmetzgerei.“

Werbeträger in eigener Sache und für den Schwarzwald: Verena Schetter und Mario Zaspel vor ihrem Stand in der Stuttgarter Bauernmarkthalle.Bild: Kuball
 
 

Wie das aus dem Mund des Städters schon klingt – „Landmetzgerei“. Fast gar wie Schlaraffenland, mindestens aber nach einem Ausbund an kulinarischen Herrlichkeiten. Eben ganz nach Schwarzwald-Idyll, wie es handgemalt auf dem „Schetter-Schild“ den Verkaufsstand von den anderen zwei Dutzend Selbstvermarktern in dem ehemaligen Straßenbahn-Depot abhebt. In der Stadt noch weit mehr als auf dem Land geht das mit einer gehörigen Portion Wertschätzung einher, denkt man dabei doch an einen Ort, an dem der Schinken noch selbst geraucht und das Vieh geradewegs von grünen Weiden in den Schlachtraum geführt wird, wo noch der Metzgermeister selbst nach alten Hausrezepten wurstet und kein Fleisch über die Theke geht, das nicht saftig und von 1A-Qualität wäre.

Die Betrachtung vor Ort dürfte diesen Vorstellungen durchaus gerecht werden. Während im Stuttgarter Westen schon die nächste Kundin ihre Lieblings-Pilzwurst von „Schetter“ verlangt, tuckert in Grünmettstetten ein Traktor die Killbergstraße entlang. Vom Schweinestall gegenüber weht Landluft rüber. Hinten, im Schlachtraum, ist das Tagwerk fast schon getan: Seit dreiviertel fünfe am Morgen haben Metzgermeister Martin Schetter und sein Vater, Seniorchef Anton Schetter, mit dem Gesellen Alexander Gräf und Lehrling Benjamin Schmid zehn Sauen geschlachtet – das übliche Wochenpensum. Gerade wird noch in einer Wanne Schwartenmagen vermengt und über einen Trichter in Därme gestopft. Mit geübten Handgriffen bindet Anton Schetter die gefüllten Mägen ab und kappt mit sauberem Schnitt die straff gespannte Schnur zurecht. Sobald alles verarbeitet ist, wird er bei Landwirt Klaus Saier vorne im Ort noch ein Rind abholen. Das mit dem Kalbsnierenbraten geht also klar.

Schlachtraum, das bedeutet: Überall Edelstahl, jeder mit Gummischürze und in Gummistiefeln, viel Wasser – und alle Hände voll zu tun, Die Männer arbeiten regelrechte Fleischberge ab und greifen immer wieder zum Wasserschlauch, um Arbeitsflächen und -geräte von Fleischresten zu reinigen. Blanke Messer blitzen und mittendrin dampft ein großer Kessel, in dem Lehrling Benjamin einen großen Topf Blut zum Wurstmachen anwärmt und dazu beständig rührt. Ein Familienbetrieb mit Tradition, bei dem jeder seine Aufgaben kennt und die Oma Sina und Marvin hütet, wenn Schwiegertochter Verena Schetter das Büro macht oder auch mal die Verkäuferin hinter der Theke vorne im Geschäft vertritt.

Anton Schetter, der 67-jährige Senior, machte bereits als 15-, 16-Jähriger die damals noch üblichen Hausschlachtungen im Ort. Nach harten Lehrjahren in Baiersbronn sattelte er den Meister drauf und baute aus der elterlichen Landwirtschaft heraus die eigene Metzgerei auf. Mittlerweile besteht der Betrieb seit 26 Jahren und verfügt über drei Standbeine: Das Hauptgeschäft in Grünmettstetten, den Verkaufsstand in der Stuttgarter Bauernmarkthalle und, seit dem Frühjahr, die Horber Filiale im „Goldenen Adler“, der ehemaligen Bareis-Metzgerei.

Martin Schetter, der die Metzgerei vor fünf Jahren übernommen hat, legt sich voll ins Zeug. Als der 34-Jährige vor acht Jahren den Meister gemacht hat, wurde daheim der Rohbau für die neue Metzgerei errichtet. Seit dieser Zeit sind Schetters auch in Stuttgart die ganze Woche über mit ihrem eigenen Stand vertreten. Das „Bauernblatt“ hatte Anton Schetter auf die Idee gebracht, regelmäßig als Selbstvermarkter in der Landeshauptstadt präsent zu sein. Mittlerweile ist es zur Routine geworden: Jeden Morgen fährt Metzgergeselle Mario Zaspel aus Bittelbronn vor, lädt den Kühlwagen von Schetters mit frischer Ware wie Fleisch und Wurst, gerauchtem Schinken, gefülltem Schweinefilet, Sauerbraten, selbstgemachten Maultaschen oder auch mal Leberknödel voll und bringt das dann in Stuttgart unter die Leut‘.

„Das Publikum in der Bauernmarkthalle ist wirklich bunt gemischt“, sagt Verena Schetter. Frisch duftende Kuchen und anderen Backwaren, ganze Säcke voller Kartoffeln aus Bioland-Anbau, knackige Salate, frische Blumen und dekorative Gestecke, Barsch, Lachs und Matjes am Fischstand und erstklassiger Käse am Käsestand, gleich daneben ein Kaffeehaus und auch die Walz-Mühle aus Altheim mit ihrem breitem Sortiment locken Jung und Alt, gut betuchte und Otto Normalverdiener – und auf jeden Fall nicht nur die ganz besonders Ernährungsbewussten.

Die Atmosphäre ist warm und nett. Und die Freude bei den anderen Marktbetreibern über die Stippvisite von Verena Schetter ist groß. Bis zur Geburt des dreijährigen Marvins war der Verkauf in Stuttgart ihr Metier. So geriet ihre Hochzeit mit Martin Schetter im Jahr 2000 nicht nur mit einheimischen Verwandten und Freunden zum Riesenfest. Etliche begeisterten Kunden kamen eigens aus Stuttgart, um dem Paar zu gratulieren. Und auch sonst guckt immer mal wieder einer auf der Durchfahrt rein, um „Hallo“ zu sagen. Oder sich einfach Appetit zu holen bei „seinem“ Landmetzger.

Quelle: www.neckar-chronik.de, 13.11.2004

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