Judasverbrennen

Einer der wohlgehüteten Bräuche in Grünmettstetten ist das Judasverbrennen. Dabei wird nach altem Brauch der Veräter Jesu “Judas Iskariot” am Galgen hängend verbrannt. Ausgetragen wird das Judasverbrennen von den Schülern der 8. Klasse. Dieser Brauch ist auch oftmals die erste Gelegenheit der 13-Jährigen eine Nacht durchzumachen, da sie ja sehen müssen, wie sie im nächsten Jahr das Judasverbrennen auszurichten haben.

Früher wurde der Ort jährlich gewechselt. Inzwischen hat sich ein Platz in der Flur westlich vom Ort gefunden, der nun schon mehrere Jahre für das Judasverbrennen verwendet wird. Durch diese Feier wird von den Jugendlichen auch das Ende der Fastenzeit gefeiert, es wird Wurst, Speck oder Leberwurst am Feuer erwärmt und verzehrt. Der Durst wird durch alkoholische und antialkoholische Getränke gestillt.

Rund um das Feuer sitzen die Jugendlichen auf Holzpaletten oder sonstigem Brennmaterial und unterhalten sich. Die Älteren suchen immer wieder mehr oder weniger unauffällig wo denn die Judas-Strohpuppe versteckt sein könnte. Auch im Jahr 2003 wurden die beiden sehr gut versteckten Puppen gefunden und teilweise hinterhältig entwendet. Dies kränkt die Veranstalter jährlich, jedoch gehört es eben dazu und wird durch Zahlung einer Ablöse in Form von Freigetränken mißmutig hingenommen. Im nächsten Jahr sind die Verärgerten dann meist ganz eifrig beim Diebstahl der Puppe dabei.

Auszug aus dem Heimatbuch von Pfarrer Hermann Schneider, 1964 (im Nachdruck von 1997 auf Seite 41-42):

[…] Ein Vorrecht der Schüler der obersten Klassen ist das “Judas-verbrennen” am Karsamstagmorgen. Tage zuvor werden Kleider mit Stroh ausgestopft. Dieser Judas wird dann versteckt, daß die größeren Burschen ihn nicht stehlen können. Am Karfreitag ziehen die Schulkinder mit Handwagen durchs Dorf und betteln Holz für den Judas. Am Karsamstagmorgen wird das geweihte Feuer, nachdem es nicht mehr benützt wird, nachgeschürt, in seiner Nähe ein Galgen aufgestellt, der Strohmann daran aufgehängt und nun über dem Feuer verbrannt. Bis vor 10 Jahren geschah das zwischen Kirche und Schulhaus. Seitdem wird der Judas außerhalb des Dorfes in aller Frühe verbrannt (die Änderung hängt auch mit der neuen Liturgie am Abend zusammen!) […]

Brauchtum: In Grünmettstetten gehörte die vergangene Nacht den Mädchen und Buben

Achtklässler verbrennen den Judas

Ein uraltes Karsamstags-Ritual wird in dem Dorf am Rand des Schwarzwalds gepflegt

Im katholischen Grünmettstetten am Ostrand des Schwarzwalds hat sich ein alter Karsamstags-Brauch erhalten: das Judas-Verbrennen – ein Ritual, das früher den 14-jährigen Buben vorbehalten war. Inzwischen machen auch die Mädchen mit.

GRÜNMETTSTETTEN · Die Nacht vom Karfreitag zum Karsamstag ist hart für die 14-jährigen Buben und Mädchen von Grünmettstetten im Kreis Freudenstadt. Sie kommen kaum zum Schlafen; denn sie sind die Hauptakteure eines nächtlichen Brauchs, der früher weit verbreitet war, allem nach jetzt aber nur noch in diesem 800 Einwohner großen Dorf am Rand des Schwarzwalds gepflegt wird. Nach alter Sitte wird in Grünmettstetten symbolisch der Jesus-Verräter Judas verbrannt.

Zu Zeiten, als an Ostern auch das Schuljahr zu Ende ging, war dieser Brauch um das Feuer zugleich auch ein uriges Abschlussfest für die Schulabgänger. Das hat sich seit der Umstellung in den 60er-Jahren verändert. Nach wie vor aber richten die Achtklässler das Fest aus. Schüler aller Schularten beteiligen sich daran.

Die Erwachsenen sind da nicht gefragt – fast nicht. Beim Holz sammeln für den Scheiterhaufen in der Karwoche nehmen die Kinder allerdings doch gern elterliche Hilfe in Anspruch, etwa den Vater, der mit Traktor und Wagen anrückt, Holz auflädt und transportiert. Früher zogen die Schüler am Gründonnerstag mit Handwagen allein durchs Dorfs und karrten Holz auf den Kirchplatz mitten im Ort.

Heute entzündet man das Feuer draußen in der Flur – aus Sicherheitsgründen; denn die Flammen schlagen hoch wie bei einem Sonnwendfeuer, und es besteht die Gefahr des Funkenflugs.

Das Hauptrequisit ist eine lebensgroße Figur, gebastelt aus alten Kleidern und Stroh. Ein Geldbeutel, der an den Strohmann befestigt wird, erinnert daran, dass Judas seinen Herrn für 30 Silberlinge an den Hohepriester verraten hat. An welchem Ort sie den Stroh-Judas basteln, daraus machen die Mädchen und Buben ein großes Geheimnis; denn sie müssen befürchten, dass ältere Burschen die Puppe entführen.

,,Entdecken die Älteren den Judas, lässt man sie gewähren” sagt Daniel Wehle (15). Ihm und seinen Kameraden wurde im vergangenen Jahr der Judas entwendet. Sie fanden ihn später auf einem Jägerhochsitz wieder. Um auszuschließen, dass man in der Nacht zum Karsamstag ohne Puppe vor dem Scheiterhaufen sitzt, basteln die Schüler stets eine Ersatzfigur.

Der Rottweiler Volkskundler Werner Mezger zählt das Verbrennen der Judas-Figur zu den vielen Bräuchen, die als häufig nicht mehr verstandene Formen in die Gegenwart hineinragen. Ursprünglich sollte die ,,Feuerbestattung“ die Abkehr vom Verrat an Christus demonstrieren sowie das Ende des Passionsgeschehens kennzeichnen. Der Scheiterhaufenbrand darf aber auch als leuchtendes Osterfeuer, als Zeichen der Auferstehung interpretiert werden. Vor 1950, so erinnert sich Alfred Kreidler, der zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats von Grünmettstetten, haben die Kirchgänger an diesem Feuer ihre Osterkerzen entzündet.

Warum das nächtliche Ritual des Judas-Verbrennens so aufwendig ist? Die Schulkinder steigen, wenn sie denn überhaupt ins Bett gegangen sind, um Mitternacht aus der Federn. Sie versammeln sich an der Feuerstelle und zünden den Scheiterhaufen an. Gegen drei Uhr hängen sie die Strohpuppe an den Galgen und verbrennen sie.

Mezger zufolge hat das Judas-Verbrennen nichts mit Antisemitismus zu tun. Auch Kreidler betont: ,,Der Brauch geht keinesfalls in diese Richtung.“ Der Volkskunde-Professor Mezger vermutet jedoch, dass das ungewöhnliche Treiben da und dort doch zu Missverständnissen geführt hat. So sei möglicherweise das Verschwinden des alten Brauchs in anderen Gegenden zu erklären.

Zeitungsbericht vom Karsamstag 2001 (14.04.2001)

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