Der Arrest war selten leer!

Der Arrest war selten leer!

Das Grünmettstetter Rathaus hat eine wechselvolle Geschichte

GRÜNMETTSTETTEN (gaw). Bis der Ortsvorsteher nach der jüngsten Rathaussanierung das frühere Lehrer-Schlafzimmer und den späteren gemeindlichen „Arrestraum“ zu seiner guten Amtsstube machte, erlebte das denkmalgeschützte Rathaus eine abwechslungsreiche Dorfgeschichte.

Stadtarchivarin Dr. Renate-Karoline Adler und Rosemarie Zimmermann stellten am Donnerstag in der Ortschaftsratssitzung das Ortsarchiv in der jetzigen Gestalt nach dem Umzug – vor allem aus der Bühne in die beiden Seitenräume des Sitzungssaales – vor.

Die Sanierung, so Kocheise, sei gerade noch zum richtigen Zeitpunkt erfolgt, bevor die Kassen allerorts leer seien. Es gab noch ELR-Mittel für das Erdgeschoss, man verwendete Geld aus der Immobilienkonsolidierung und der Bauhof war sehr stark eingebunden. In diesem Zusammenhang erzählte Ortsvorsteher Karl Kocheise aus der Rathausgeschichte, die er sich aus den Akten herausgearbeitet hatte, um als Standesbeamter bei Fragen der Rathausgäste „standfest“ zu sein.

Mucksmäuschenstill und zunehmend stolzer wurden die Räte und der einzige Zuhörer im Laufe der Ausführungen Kocheises und erst recht der von Dr. Adler (siehe auch den untenstehenden Bericht).

1789 bis 1790 wurde das Rathaus im Zusammenhang mit der Einführung der Schulpflicht als Schulhaus für die Mettstetter Kinder gebaut. Der komplette Saal im ersten Obergeschoss war ein großes Klassenzimmer. Die Spitalstiftung brauchte dafür 230 Gulden. Die Bürger mussten in Hochdorf Steine schlagen und den Transport übernehmen. Schultheiß war damals Hans-Ulrich Klink und Franz-Xaver Hopfer der Lehrer. 1809 schenkte das Spital das Gebäude der bürgerlichen Gemeinde.

Im heutigen Bürgerbüro samt Ortsvorsteherzimmer neben dem Saal war die Lehrerwohnung. Und im Erdgeschoss befanden sich Abstellräume wie für Holz. 1816 wurde die Wohnung bereits für die Gemeindeverwaltung verwendet. Die Lehrerfamilie zog ins neue gemeindliche Haus in der Nachbarschaft. Dort befand sich die Viehwaage, deren Dreck die Lehrergattin wohl immer wieder ärgerte. Seit 1834 wurde das Gebäude komplett als Rathaus genutzt. Die Schule platzte aus allen Nähten. Die Mettstetter hatten ein neues Schulhaus gebaut. 1964 baute man das nächste Schulhaus, das alte kaufte die Kirchengemeinde und machte daraus inzwischen das katholische Gemeindezentrum. Im Erdgeschoss des Rathauses wurde anno dazumal die Gemeindebackküche eingebaut, die zunächst mit Holz und heute elektrisch beheizt wird. Das Lehrerschlafzimmer wurde zum „Ortsarrest“ gemacht. Über letzteres steht geschrieben, so Kocheise, es sei selten leer gestanden! Der Sitzungssaal war in etwa 15 Jahren bis 2002 gleichzeitig Probenraum.

Ende 2000 begann der Umbau des Rathauses, 2001 der des Bürgerbüros und des geplanten Archivbereichs des Saals. Der Vereinsraum im EG wurde 2002 eingeweiht, die Vereine zogen aus dem Saal einen Stock tiefer. Das ehemalige große OV-Zimmer wurde Bürgerbüro. Der Ortsvorsteher siedelte ein Zimmer weiter in den vorherigen Archiv- und Abstellraum für ganz andere Dinge um. Nun ist der Sitzungssaal nach umfangreichen Renovierungsarbeiten auch ein würdiger und guter Raum für das bislang vor allem auf der Bühne, freilich in wertvollen und alten Schränken gelagerte Archiv. Das erzählte Dr. Adler über ihre und Zimmermanns Umzugs- und erste Sichtungs- und Ordnungs-Arbeit bis dato.

Quelle: gaw, www.neckar-chronik.de, 4.12.2004

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