Bruder Viktor wurde von Japanern getötet

Bruder Viktor wurde von Japanern getötet

Ordenslehrer Konrad Wehle aus Grünmettstetten wäre am 21. November 90 Jahre alt geworden

GRÜNMETTSTETTEN. Zwei Missionare aus dem Horber Stadtgebiet sind während des Zweiten Weltkriegs im Fernen Osten ums Leben gekommen: Schwester „Festina“ Blank aus Bildechingen und Konrad Wehle aus Grünmettstetten. Er starb bei einem Gemetzel auf den Philippinen. Bernhard Sandherr aus Bonn hat das recherchiert. Auszüge:

Grünmettstetten in den 20er Jahren: Konrad Wehle mit seinem Vater und zwei Schwestern vor dem Elternhaus.Privatbild
 
 


In der philippinischen Hauptstadt Manila unterhielt der katholische Orden der „Brüder der Christlichen Schulen“ (FSC) seit Jahrzehnten eine hoch angesehene Bildungseinrichtung, die von einer Grund- und Hauptschule ausgegangen war und sich zu einer Höheren Schule (nach dem Gründer der Schulbrüder De La Salle College genannt) mit insgesamt etwa 1200 Schülern entwickelt hat. Zum Lehrerkollegium der Schule gehörte im Jahr 1945 auch der aus Grünmettstetten stammende Konrad Wehle, der den Klosternamen Viktorinus Heinrich erhalten hatte.Die Eheleute Eduard und Maria Wehle hatten elf Kinder. Der am 21. November 1914 geborene Konrad war das zweitjüngste. Die Familie unterhielt eine kleine Landwirtschaft. Daneben arbeitete der Vater als Schneider. Wie in vielen ländlichen Familien dachten die Eltern Konrads zunächst nicht an eine höhere Schulbildung für ihn. Dieser Gedanke kam ihnen wohl erst zum Ende seiner Volksschulzeit. Für das, was man heute Zweiten Bildungsweg nennt, gab es damals nur wenige Möglichkeiten. Die eine: der Bub geht auf ein Lehrerseminar.

Ein anderer Weg führte in eine Klosterschule. Konrads Eltern– besonders die Frömmigkeit seiner Mutter ist überliefert – wählten für ihn diesen Weg. Und so kam der junge Konrad auf die von den „Brüdern der christlichen Schulen“ geführte Internatsschule Maria Tann in der heute zur Stadt Villingen-Schwenningen gehörenden Gemeinde Kirnach. Diese war einerseits Realgymnasium. Daneben bot sie auch die Ausbildung zum Lehrer an Volksschulen und die entsprechende Erste Dienstprüfung als Abschluss an. Mit diesem Abschluss hatte Konrad Wehle einen wesentlichen Teil des Rüstzeugs für den von ihm gewählten Beruf als Lehrer. Hatte er sich doch in seiner Kirnacher Zeit für den Ordensberuf bei den Schulbrüdern entschieden. Sein Klostername: Viktorinus Heinrich.

Bereits am 1. Februar 1934 befindet er sich als Postulant in deren Noviziat in Bad Honnef am Rhein. Dort wird er feierlich „eingekleidet“ und erhält seinen Klosternamen. Seine Mitbrüder nannten ihn kurzweg Viktor. Anschließend kehrt er nochmals nach Kirnach zurück. Ein Jahr später legt er die Ordensgelübde ab und[…] Bruder Viktor, wie er kurz genannt wird, bricht am 25. Mai 1935 nach Penang auf – zu einer Niederlassung seines Ordens unweit Singapur, die er mit einigen weiteren Ordensbrüdern am 23. Juni erreicht.

Die vorzeitige Abreise von Bruder Viktor und 15 jungen Mitbrüdern wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß am 16. März 1935 mit dem „Gesetz für den Aufbau der deutschen Wehrmacht“ in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde und daß durch das am 22. Mai 1935 erlassene Wehrgesetz Einzelheiten der Wehrpflicht festgelegt wurden, die nachhaltig in die Lebensplanung von Bruder Viktor und seinen Altersgenossen eingegriffen hätten.[…] Über Bruder Viktors Reise ist unlängst ein handschriftlicher Bericht bekannt geworden, den der damals 21-Jährige mit dem gewichtigen Verbot versah: „Von meinen Aufzeichnungen darf unter keinen Umständen etwas veröffentlicht werden. Penang , 2. Juli 1935 Br. Viktorinus Heinrich“Dieser Wunsch soll ihm erfüllt werden; auch wenn es nach bald 70 Jahren keinen triftigen Grund mehr gibt, Stillschweigen über das damals Geschriebene zu wahren. Zu den freundlich-ironischen Bemerkungen, die er über einige seiner Mitbrüder und Reisegefährten gemacht hat (etwa, daß einer von ihnen, der als ausgezeichneter Zoologe galt, ein Schoßhündchen nicht von einem Affen unterscheiden konnte, oder daß ein anderer sich nicht gern anstrengender Arbeit unterzog, dafür lieber Klavier spielte) würden die Betroffenen heute wahrscheinlich herzhaft lachen, zumindest milde lächeln. Sie wären umWo immer über das Leben von Bruder Viktor berichtet wird, heißt es, er sei zu Beginn seiner Tätigkeit in Ostasien einige Zeit in Colombo auf Ceylon gewesen, um seine Englisch-Kenntnisse zu vervollständigen und hier auch seine Lehrerausbildung mit einer Prüfung abzuschließen.In seinem Reisebericht erzählt Bruder Viktor, daß er auf seiner Reise nach Penang am Morgen des 17. Juni 1935 in Colombo an Land gegangen, durch den Direktor der dortigen Schule vom Schiff abgeholt worden war und anschließend mit ihm seine Schule besichtigt habe. Am Nachmittag des gleichen Tages habe das Schiff mit den jungen Missionaren wieder in Richtung Singapur abgelegt.Von einem Studium Bruder Viktors in Colombo kann bei diesem nur wenige Stunden dauernden Aufenthalt also keine Rede sein. Und seine (Lehrer-)Prüfung hatte er, wie ebenfalls aus dem Reisebericht hervorgeht, schon vorher abgelegt. Er nannte dort nämlich zwei Namen von Mitbrüdern und fügte in Klammern hinzu: „die mit mir die Prüfung gemacht haben“, also nicht irgend eine Prüfung, sondern offenbar d i e Prüfung, die für seinen künftigen Beruf erforderlich war, also die Erste Dienstprüfung für das Lehramt an Volksschulen.In Penang erhielt Bruder Viktor an der von seinem Orden getragenen Schule seine erste Lehrerstelle. Er unterrichtete an den unteren Klassen. Dieser Schulbetrieb war für ihn Neuland. Besonders die Kinder in den untersten Klassen, zumeist Chinesen und Malayen, konnten noch nicht Englisch. Und ihre Lehrer verstanden in der Regel die Sprachen der Kinder nicht. Beide Seiten mussten sich mit Zeichen behelfen.

Penang liegt im Distrikt Singapur. Und Singapur war britischer Flottenstützpunkt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Bruder Viktor wie alle Deutschen von den Briten aus Singapur ausgewiesen. Er kam nach Manila auf den Philippinen. Dies war möglich, weil diese damals völkerrechtlich zu den USA gehörten, also bis zum japanischen Angriff auf die amerikanische Flotte in Pearl Harbour noch neutrales Gebiet waren.

In Manila unterrichtete Bruder Viktor die weiterführenden Klassen des De-La-Salle-Kollegs. Es gibt eine in Englisch abgefasste Kurzbiographie von Bruder Viktor, in der es heißt: „Er bereitete seinen Unterricht gut vor und unterrichtete mit großem Ernst. Er war zwar nicht der Typ des brillanten Lehrers und seine Arbeit fiel ihm nicht leicht. Gleichwohl ließ er sich nicht entmutigen. Er arbeitete, er betete, und seine Schüler machten Fortschritte.“

Nach dem Eintritt Amerikas in den Krieg hatten die bereits im Frieden in Manila stationierten amerikanischen Streitkräfte einen Teil des De-La-Salle-Kollegs beschlagnahmt und als Lazarett sowie zur Unterbringung und Versorgung von Truppenteilen genutzt. Die japanische Besatzungsmacht zog dort nach der Vertreibung der Amerikaner im Januar 1942 ebenfalls ein.

Alle amerikanischen und britischen Staatsangehörigen in Manila, unter ihnen auch die Schulbrüder aus diesen Ländern, kamen in Internierungslager, die die Japaner nach der Besetzung der Stadt eingerichtet hatten. Die 17 nicht internierten Schulbrüder, unter ihnen Bruder Viktor, konnten den Schulbetrieb zunächst mit wohlwollender Billigung der J
apaner weiterführen.

Nachdem sich das Kriegsglück für die Japaner gewendet hatte und ein Großteil der geschlagenen Truppen sich nach Manila zurückgezogen hatte, beanspruchten sie den gesamten Kollegbereich bis auf einen Seitenflügel, in dem sich auch die Hauskapelle befand. Dort hausten nun die Brüder neben einigen einheimischen Familien, die hier Zuflucht gefunden hatten. Ein Ire, Bruder Egbert Xavier Kelly, war der Leiter des Kollegs und des Konvents.

Bei ihm erschien am 1. Februar 1945 ein japanischer Offizier und forderte die sofortige Räumung des von den Schulbrüdern und zivilen Flüchtlingen genutzten Gebäudeteils mit der Begründung, es sei militärisches Gebiet. Innerhalb von 48 Stunden sei mit Beschuss zu rechnen. Er könne die Sicherheit der Bewohner nicht mehr garantieren.

Der Direktor lehnte es ab, der Aufforderung Folge zu leisten. Seine Mitbrüder waren mit dieser Entscheidung ihres Oberen nicht einverstanden. Einer von ihnen suchte den Erzbischof von Manila auf und bat ihn um Rat. Dieser empfahl den Brüdern und Flüchtlingen, das Kolleg vorübergehend zu verlassen und bot ihnen geeignete Ausweichmöglichkeiten an. Doch auch als der Direktor von den nach wie vor bestehenden Bedenken der Brüder gegen den Verbleib im Kolleggebäude und dem Ausweichangebot des Erzbischofs erfuhr, beharrte er auf seinem Standpunkt und verpflichtete die Brüder in einer Brüderversammlung, ihm zu vertrauen und das Haus nicht zu verlassen. „Wir müssen beisammen bleiben und gemeinsam überleben oder sterben. Das ist besser, als das Haus zu verlassen und aus einander zu gehen.“[…] Da sowohl die Brüder als auch der Erzbischof die Auffassung des Direktors nicht teilen konnten, baten die Brüder noch den päpstlichen Nuntius um Rat. Dieser empfahl ihnen, ihrem Ordensoberen zu gehorchen. […] Trotz ihrer gegenteiligen Überzeugung beugten sie sich gemäß ihrem Gehorsamsgelübde der Weisung ihres Oberen und verblieben im Gebäude. Am 6. Februar 1945 fragten die Japaner den Direktor nach der Anzahl und Nationalität der Personen, die sich im Kolleg aufhielten. Er gab die Zahl 101 an. Der für derlei Fragen zuständige Bruder konnte den Japanern jedoch nur eine Liste mit 68 Namen übergeben. Der Direktor war nicht in der Lage, die Differenz zu erklären. Dies machte die Japaner zusätzlich misstrauisch. Denn von Anfang an hatte der Verdacht bestanden, dass das Kolleg einheimischen Partisanen Unterstützung gewährte. Rücksichtslose Durchsuchungen nach Waffen waren schon vorher an der Tagesordnung. Bei einer erneuten Durchsuchung nach diesem Vorfall wurden der Direktor und ein Richter, der mit seiner Familie im Kolleg Zuflucht gefunden hatte, am 7. Februar von einer japanischen Einheit gefesselt und abgeführt. Sie wurden unter nie geklärten Umständen getötet. Am Sonntag, 12. Februar, kam erneut ein japanischer Offizier mit einigen Soldaten zu den Brüdern und behauptete, von hier aus sei der benachbarte japanische Club, also ihr Offizierskasino, beschossen worden. Deshalb müssten die Soldaten das Gebäude erneut durchsuchen. Als sie nichts Verdächtiges fanden, verließen sie das Gebäude wieder. Nur wenige Minuten später kehrte der Offizier mit zwei Soldaten zurück und nahm drei einheimische Angestellte des Kollegs mit. Der als Dolmetscher fungierende Bruder erhob dagegen Widerspruch und erklärte, die drei seien keine Partisanen, sondern einfache Bedienstete.

Am gleichen Nachmittag wurden die abgeführten Angestellten brutal zur Türe herein gestoßen. Alle drei waren schwer verletzt, einer von ihnen so, dass seine Eingeweide aus dem Körper quollen. Hinter ihnen folgten der Offizier mit etwa 20 Soldaten. Sie beharrten auf dem Vorwurf, aus dem von den Brüdern bewohnten Gebäude sei geschossen worden. Ihre Augen waren blutunterlaufen und einige waren offenbar betrunken. Der Offizier brüllte etwas – es war wohl der Befehl, alle Personen im Hause zu töten – und gab einen Schuss ab. Es begann ein fürchterliches Gemetzel. Einige Soldaten erstachen mit ihren aufgepflanzten Bajonetten den ersten der Brüder, dem sie im Haus begegneten. Die anderen Anwesenden – ob Brüder, Bedienstete oder Flüchtlinge mit ihren Kindern – stoben in wilder Hast aus einander, die einen in den Keller, die anderen in die Kapelle im oberen Stockwerk.

Die Soldaten richteten ihr Augenmerk zuerst auf die in den Keller Geflüchteten. Sie forderten sie auf, einzeln nach oben zu kommen. Wer herauf kam, wurde mit dem Bajonett erstochen. Als keiner mehr kam, stiegen einige von den Japanern in den Keller und setzten ihr blutiges Handwerk fort. Sie brachten die meisten der dort Versteckten um. Ein paar blieben dank der Dunkelheit im Keller unentdeckt. Als der Militär-Trupp im Kellergeschoss seine Arbeit verrichtet glaubte, zog er ins Obergeschoss, wo sich die Hauskapelle und ein weiterer Raum befanden. Hierher waren die meisten Hausbewohner geflüchtet. Als die Japaner auf dem zur Kapelle führenden Flur den ersten Bruder erblickten, wollten sie sich auf ihn stürzen. Er versuchte zu fliehen. Dies scheint für die Japaner das Signal gewesen zu sein, auch Schusswaffen zu benutzen. Der Bruder bricht tot zusammen. Aber nicht nur er. Überall Verletzte, Blut, Schreie, Todesröcheln. Doch es sind auch laute Gebete zu hören.

Zwischen den Bänken der Kapelle haben sich Ordensleute und Zivilisten versteckt. Auch sie werden getötet oder verletzt. Bruder Viktor und ein Mitbruder befinden sich in der Nähe des Altars. Hinter ihnen kauert eine Frau. Ein sechsjähriger Junge läuft auf die beiden zu, wohl um zu seiner Mutter hinter ihnen zu gelangen. Zwei Japaner folgen ihm. Einer von ihnen stößt dem Jungen das Bajonett in den Rücken und wirft ihn zu Boden. Er ist tot.

Bruder Antonius, einer der trotz schwerer Verwundung Überlebenden schilderte seine Erinnerung an das damalige Geschehen: „Jetzt komme ich an die Reihe. Zwei Japaner kommen auf mich zu. […]Zunächst sind sie vorsichtig, weil sie fürchten, ich könnte eine Handgranate werfen. Ich deute an, dass ich keine Waffe habe. Sofort stürzen sie sich auf mich, und einer stößt mir sein Seitengewehr in die Brust. Ich falle rückwärts gegen die Wand. Dann stemmt er seinen Fuß auf mich und reißt das Seitengewehr wieder heraus. Fast gleichzeitig sticht mich ein zweiter Japaner zwei Mal in den Unterleib und gibt mir noch fünf Stiche in den rechten Arm. Jetzt wird Bruder Maximin angegriffen. Er stirbt innerhalb weniger Minuten. Bruder Viktor sitzt in der Ecke vor dem Altar Er ist so weiß wie Papier und offensichtlich tot. Bruder Mutwald liegt neben mir und lebt vermutlich nicht mehr.“ .

Am 7. und am 12. Februar 1945 sind im De-La-Salle-Kolleg von den 68 Personen 41 getötet worden– darunter 16 Brüder und 25 Zivilisten […]. Alle Brüder mit der britischen und amerikanischen Staatsangehörigkeit, die zuvor durch die Japaner in ein Internierungslager gebracht worden waren, haben überlebt und wurden bei der Rückeroberung der Stadt durch die amerikanischen Streitkräfte am 23. Februar 1945 befreit.Für die Ermordeten wurde ein Massengrab ausgehoben, in dem die Leichname und Leichenteile bestattet wurden Im Februar 1949 wurden die sterblichen Überreste exhumiert und in einer dem Kolleg gehörenden Gruft feierlich beigesetzt […].Den Angehörigen von Bruder Viktor wurde sein Tod und seine ursprüngliche Bestattung in einem gemeinsamen Grab mit Mitbrüdern und anderen im Februar 1945 umgekommenen Personen durch mehrere gesiegelte Urkunden philippinischer und amerikanischer Dienststellen im Juni 1946 offiziell mitgeteilt. Seine Heimatgemeinde hält das Andenken an Bruder Viktor dadurch wach, dass sie bei der Errichtung des Ehrenmals für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs auch den Namen Konrad Wehle dort einmeißeln ließ. Und Hermann Schneider, der frühere Pfarrer von Grünmettstetten und Verfasser des „Grünmettstetter Heimatbuch“ , trägt mit dem Abschnitt „Schulbruder Viktorinus Wehle (als Missionar ermordet)“ dazu bei, dass in Grünmettstetten das Wissen um dessen Leben und Sterben Teil der örtlichen Heimatkunde geworden is
t.Waren Schwester Festina und Bruder Viktorinus Märtyrer?Die letzten Stunden im Leben von Schwester Festina und Bruder Viktorinus müssen nach allem, was Zeitzeugen darüber berichtet haben, so grausam und erschütternd gewesen sein, dass man sich fast scheut, an dieses Geschehen gleichsam mit dem Seziermesser heran zu gehen und zu prüfen, ob die beiden Ordensleute als Kriegsopfer ihr Leben lassen mussten, wie in jenen Jahren ungezählte Soldaten und Zivilisten auf fast allen Kontinenten, oder ob sie Märtyrer waren, Blutzeugen für ihren christlichen Glauben. Doch wer sich mit ihrem Leben und ihrem Sterben befasst, muss auch dieser Frage nachgehen.„Wer ist ein Märtyrer? Wer kann als Märtyrer verehrt werden?“ Dieses Thema muss die Kirche seit ihren ersten Tagen begleitet haben, als ihr Diakon Stefanus gesteinigt wurde . Seitdem gab es immer wieder Versuche, diese Fragen allzu großzügig zu beantworten. So wundert es nicht, dass Prospero Lambertini , einer der bedeutendsten Kirchenrechtslehrer und nachmalige Papst Benedikt XIV. , in einem umfangreichen Werk mit dem Titel Lehre von der Seligsprechung der Diener Gottes und der Heiligsprechung der Seligen die bis zum heutigen Tag in der katholischen Kirche gültigen theologischen und kirchenrechtlichen Kriterien für die Annahme des Märtyrertodes neu formuliert und bekannt gemacht hat .Wesentliche Voraussetzungen für die Anerkennung des Märtyrertodes sind danach- der gewaltsame Tod,- die bewußte innere Annahme des Willens Gottes trotz erkennbarer Lebensbedrohung und- das Motiv des Glaubens- oder Kirchenhasses bei den Verfolgern.Dabei ist es erforderlich, daß alle drei Kriterien erfüllt sind. Das Vorliegen von nur einem oder zweien davon genügt nicht.Sowohl Schwester Festina als auch Bruder Viktorinus Heinrich haben unzweifelhaft einen gewaltsamen Tod erlitten; jene auf dem japanischen Schiff „Dorish Maru“ durch das Bordwaffenfeuer der alliierten Flugzeuge, dieser in der Kapelle des De-La-Salle-Kollegs durch den Bajonettstich eines Japaners oder durch einen Schuß aus einer japanischen Waffe.Schwester Festina und ihre Mitschwestern wussten, daß ihnen die bevorstehenden Kampfhandlungen den Tod bringen können. In diesem Bewußtsein haben sie die ihnen angebotene Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen, abgelehnt und sind bei den ihnen anvertrauten Menschen geblieben. Sie haben damit zweifelsfrei Gottes Willen bewußt angenommen.Und Bruder Viktor mit seinen Mitbrüdern aus dem De-La-Salle-Kolleg? – Nach dem Scheitern ihrer ethisch zulässigen Bemühungen, im Einvernehmen mit ihrem Ordensoberen und zusammen mit ihm das Kolleggelände zu verlassen, leisteten die Brüder diesem den klösterlichen Gehorsam und nahmen damit den darin gesehenen Willen Gottes im Wissen um die bestehende Lebensbedrohung an.Diese beiden Voraussetzungen für die Annahme des Märtyrertodes waren also sowohl bei Schwester Festina als auch bei Bruder Viktorinus gegeben.Wie aber verhielt es sich mit dem Motiv des Glaubens- oder Kirchenhasses bei den Verfolgern?Zur Beantwortung dieser Frage müssen Tatsachen herangezogen werden, die bei der obigen Schilderung der letzten Lebenstage von Schwester Festina und BruderViktorinus als nebensächlich, ja belanglos erscheinen mochten, die in diesem Zusammenhang aber von Bedeutung sind.Beim Tod von Schwester Festina auf dem japanischen Schiff „Dorish Maru“ stellt sich die Frage, ob es hier überhaupt Verfolger gab, also Menschen, die zielgerichtet Schwester Festina und ihre Gefährtinnen töten wollten.Aufgabe der alliierten Flugzeugbesatzungen konnte nur sein, das japanische Handelsschiff, mit dem Kriegsmaterial transportiert wurde oder das zumindest dafür geeignet war, zu versenken oder auf andere Weise unbrauchbar zu machen. Sollte den Alliierten die Anwesenheit japanischer Soldaten auf der „Dorish Maru“ bekannt gewesen sein, hat der Angriff auch ihnen gegolten. Auf keinen Fall kann ihr Angriff aber gegen die Missionare gerichtet gewesen sein, unter denen sich britische (und möglicherweise auch amerikanische) Staatsangehörige befanden. Das Motiv für den Angriff war also nicht Glaubens- oder Kirchenhass der kommandierenden oder ausführenden alliierten Soldaten.Als Verfolger kommen, obwohl diese nicht auf das Schiff und seine Passagiere geschossen haben, auch japanische Militärs in Betracht. Sie haben in einer Zeit, in der mit Luftangriffen der Alliierten zu rechnen war, die Missionare und Zivilisten auf einem Schiff unter japanischer Flagge auf den Weg geschickt und sie damit sehenden Auges in Lebensgefahr gebracht. Da auf dem Schiff aber auch japanische Soldaten befördert wurden und das Schiff ein wichtiges und wertvolles Transportmittel für sie war, kann kein Zweifel bestehen, daß die Japaner weder an der Versenkung oder Beschädigung des Schiffes noch an der Tötung oder Verletzung der Passagiere interessiert waren. Die Verschiffung der Missionsschwestern, Missionare und Zivilpersonen war also kein Akt der Verfolgung, sondern sollte – aus welchen Gründen auch immer – ihrer dann doch weitgehend mißlungenen Rettung dienen. Damit erübrigt sich die Suche nach dem Motiv für eine Verfolgung der christlichen Missionarinnen und Missionare durch die Japaner. Es kann auch bei ihnen kein Motiv dafür geben.Anders könnte es sich bei den Schulbrüdern des De-La-Salle-Kollegs in Manila verhalten. Hier ist von Soldaten mit blutunterlaufenen Augen die Rede, die sich mit Bajonetten und Schußwaffen gezielt auf die wehrlosen Brüder und anderen Bewohner des Kollegs stürzten und sie grausam umbrachten. Lassen sich aus den Berichten der Überlebenden Motive der japanischen Soldaten für ihr Vorgehen herauslesen?Ausgangspunkt für alle Überlegungen in diesem Zusammenhang: Das Kolleggelände war bereits von den amerikanischen Streitkräften als militärische Anlage genutzt worden. Es behielt diese Funktion auch nach der Besetzung Manilas durch die Japaner. Nur die militärischen Nutzer haben gewechselt. Die neuen Nutzer, die Japaner, hatten Bruder Egbert Xavier als den verantwortlichen Ordensoberen aufgefordert, das Kolleggelände mit seinen Brüdern zu verlassen, um sie nicht durch die zu erwartende Beschießung zu gefährden. Die Japaner wollten sie also schützen.Nachdem das Kolleg ohnehin dem Vorwurf ausgesetzt war, Waffen für Partisanen oder gar diese selbst zu verstecken, gab der Direktor diesem Verdacht noch zusätzliche Nahrung, indem er, wenn auch unbeabsichtigt, eine falsche Belegungszahl angab. Es hat den Anschein, daß auch die drei vorübergehend festgenommenen Angestellten unter schwerer Folter – ob zu Recht oder zu Unrecht, mag dahin stehen – die Befürchtungen der Japaner bestätigt haben. Das anschließende Eindringen der japanischen Soldaten und das von ihnen angerichtete Blutbad war dann eine Reaktion d a r a u f.Ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Japaner Waffen im Kolleg vermuteten, ist die oben wiedergegebene Schilderung des überlebenden Bruder Antonius, die Japaner seien zunächst vorsichtig gewesen, weil sie offenbar gefürchtet hätten, er trage eine Handgranate bei sich.Schließlich sind zusätzliche Indizien dafür, daß es den Japanern in Manila nicht grundsätzlich darum ging, die katholischen oder ganz allgemein die christlichen Missionare zu töten, zum einen darin zu sehen, dass sie die Fortführung des Schulbetriebs durch die Schulbrüder duldeten, teilweise sogar förderten und zum anderen, dass sie die internierten britischen und amerikanischen Schulbrüder allesamt am Leben liessen.Für die Annahme des Märtyrertods bei dem grausamen Blutbad an den 16 Brüdern im De-La-Salle-Kolleg in Manila fehlt es also ebenso wie beim Tod der Missionare und Schwestern auf der „Dorish Maru“ an der Voraussetzung des Glaubens- oder Kirchenhasses als Motiv der Verfolger für ihr Handeln.Schwester Festina und Bruder Viktorinus Heinrich waren demnach trotz ihres gewaltsamen Todes und ihrer Bereitschaft zur Annahme des Willens Gottes keine Märtyrer, keine Blutzeugen im Sinne der von der katholischen Kirche festgelegten Definition und seit Jahrhunderten geübten Praxis. Sie haben jedoch durch die Erfüllung ihrer Aufgaben als v
orbildliche Ordensleute und Missionare bis hin zu ihrem gewaltsamen, gottergeben hingenommenen Tod in besonderer Weise für ihren Glauben Zeugnis abgelegt. Sie sind damit verehrungswürdige Glaubenszeugen geworden. Ihr Leben und Sterben sind es wert, der Vergessenheit entrissen und die Erinnerung an sie in ihrer Heimat wach gehalten zu werden.

Quelle: www.neckar-chronik.de, 20.11.2004

Grundlage für diesen Artikel ist die Recherche von Bernhard Sandherr aus Bonn.

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