§ 13 Jugend kennt keine Tugend

§ 13 Jugend kennt keine Tugend
“Teenager” ist nur ein modernes Wort. Exportartikel aus Amerika.
Was damit gemeint ist, ist schon immer gewesen; das “Halbstarken-
problem”. Früher hat man von “Flegel jähren” und von “Backfischen”
gesprochen, und noch früher von der “ledigen War” und dem “Ziefer”,
das den Alteren soviel Kummer und Sorgen bereitete. “Ja, früher
war es anders, so was hätten wir nicht tun dürfen…”, so hört man
aus dem Mund der älteren Generation. Und wie war es wirklich? Auch
vor hundert Jahren war dieselbe Misere mit der Jugend, die keine
Tugend kennt, die gerne über die Stränge schlägt. Gewiß haben die,
von denen hier das eine oder andere berichtet wird, einst als
Erwachsene auch ihren Kindern (die heute schon wieder Urgroßvater
u. -mutier sind oder wären, falls sie noch lebten) Vorhaltungen
gemacht über das, was die Jugend heute treibe im Gegensatz zu dem,
was sie nicht getan haben oder hätten tun dürfen. Aber seien wir
ganz ehrlich: “Der Apfel fällt nicht weit vom StaromI” Keiner kann
seine Abstammung verleugnen.

Wie schon anläßlich der Lichtkerzen bemerkt wurde, gab es vor mehr
als hundert Jahren hier ein sogenanntes “Sittengericht”, der offizielle
Name war “Kirchenkonvent”. Da es auch in den evangelischen Dörfern der
Umgebung solche Kirchenkonvente gab, ist wohl anzunehmen, daß die
Einführung dieses Richtergremiums auf königlichen Befehl zurückgeht.
An der Spitze des Gerichtes stand der jeweilige Pfarrer und der Schult-
heiß, dazu gehörte noch der Heiligenpfleger und 2 aus der Gemeinde be-
stimmte Männer als Beisitzer. Sie hatten auf Sitte und Moral zu achten,
bei Verstößen die Betreffenden zu rügen und zu strafen, schwerere Ver-
gehen mußten sie dem Oberamt weitermelden, ebenso Rückfällige. Zum
erstenmal trat dieses Gericht am 2. Okt. 1831 unter dem Vorsitz des da-
maligen Pfarrverwesers Neß zusammen: Mitglieder des Konvents waren:
Schultheiß Sayer, Gemeindepfleger Steimle, Nikolaus Steimle und Hei-
ligenpfleger Faßnacht. Einmal im Monat versammelte sich der “Hoherat”.
Nur ganz selten gab es nichts zu verhandeln. Immer wieder heißt es:
“Es ist in Erfahrung gebracht worden, daß….”. Vielfach kamen auch
die Frauen und führten Klage über ihre Männer, manchmal war es umge-
kehrt und der Mann beklagte sich über seine bessere Ehehälfte. Daß
es bei diesem häuslichen Ehezwist auch ganz handgreiflich zuging
und daß man sich gegenseitig in den Haaren lag, bekamen die Herren
oft zu hören. In den meisten Fällen gelang es, den häuslichen Frieden
wiederherzustellen, nachdem man beiden ganz ordentlich die “Leviten
verlesen” hatte. Den meisten Stoff für die Gerichtssitzungen bildeten
zweifelsohne die häufigen Schul Versäumnisse bei den Werktags- wie
auch bei den Sonntagsschülern. Verwarnungen wurden wenig ausgesprochen,
wahrscheinlich weil sie wenig fruchteten, häufiger wurden Geldbußen
verhängt, am meisten aber wurden Freiheitsstrafen von mehreren Stunden
oder auch Tagen Arrest angeordnet.
Nun zurück zu den Delikten der Jugendlichen! Unterm 6. Juni 1832
wird gesagt; “Das herdenweise Auslaufen der Jünglinge und Mädchen und
das Zusammensitzen im Walde an Sonn- und Feiertagen abends konnte dem
Kirchenkonvent nicht entgehen…..”. Am 14. August 1834 ging es um
das Johlen, Lärmen und Schreien zur Nachtszeit, auch noch räch der
Polizeistunde. Darum wurden alle ledigen Personen männlichen Ge-
schlechts vor den Konvent gerufen und ihnen mit allem Ernste und Nach-
druck zu bedeuten gegeben, daß solcher Unfug in Zukunft aufhören müsse.
Die Scharwächter (Nachtwächter) wurden verpflichtet, jeden nächtlichen
Unfug bei Verlust ihres Dienstes ohne Rücksicht pflichtgemäß anzuzei-
gen. Am 23. Juli 1840 wurde im Orte das Erntedanksagungsfest gefeiert.
Dabei gab es wohl Ausschreitungen. Daraufhin wurde vom Kirchenkonvent
beschlossen,”die erwachsenen Töchter unter strengere polizeiliche Auf-
sicht zu stellen und streng zu verbieten, daß die ledigen Weibsper-
sonen nach der Betglocke herumschwärmen dürfen”. Am 7. Febr. 1843
stand eine Beschwerde des Provisors auf der Tagesordnung, seine Sonn-
tagsschüler hätten die Aufgaben teils zu schlecht und teils garnicht
gelöst. Weil er die Aufgaben genau besichtigt und mit einer Anzeige
gedroht habe, so hätten die Burschen sich gegen ihn unangenehm ge-
äußert und ihre Schreibhefte zerrissen. Weiter hätten sich die Grös-
seren geweigert, das Formular, das er an die Tafel geschrieben habe,
abzuschreiben und hätten damit ihm, dem Provisor, den Gehorsam auf-
gekündigt. Sämtliche Schüler wurden zitiert, die Sache untersucht:
2 bekamen 12 Stunden Arrest, weitere 5 je 8 Stunden. Andere junge
Burschen störten in den Weihnachtstagen 1843 den nachmittägigen Got-
tesdienst. Weil sie zudem noch frech gegen den Pfarrer waren, wurden
sie mit einem Arrest von 3 Stunden belegt, weil sie diese einer
gnädigen Geldstrafe von 6 kr vorzogen.
Im Mai 1844 wurde angezeigt, daß die ledigen Personen auf ihren
Spaziergängen an Sonn- und Feiertagen schmutzige, der Sittlichkeit
zuwiderlaufende ärgernisgebende Lieder singen und so die Straßen
durchschwärmen, daher wurde beschlossen…… . Am 21. Juli 1850 mußte
wieder der Provisor Sträub sich beklagen. Was was geschehen? Während

des Rosenkranzgebetes in der Kirche war dem Lehrer zweimal
auf die Schulter gespuckt worden, obwohl er mitten auf dem Chore
stand. “Vermöge seines Standpunktes könne es nicht etwa aus Unvor-
sichtigkeit geschehen sein, sondern nur aus reiner Bosheit. Als
derselben verdächtig erscheinen nach Straubs Angabe: Josef Wehle.
Georg Fritz und Georg Klink. Dieselben wurden – heißt es im Pro-
tokoll weiter – vorgerufen und ihnen das Bubenhafte ihres Beneh-
mens verwiesen, womit Provisor Sträub sich zufrieden erklärt, in-
dem er darauf verzichtet, daß sie gestraft werden”. Ja, damals hat
es öfters “gespuckt”. Provisor Sträub wollte es anscheinend nicht
ganz verderben mit seinen Sonntagsschülern und darum sollten die
“Spucker” straflos ausgehen.
Pfarrverweser Schibel mit Schultheiß Steimle und den übrigen
Beisitzern des Kirchenkonvent beschloß am 13. Aug. 1835: “alle
Tanzmusiken an Sonn- und Feiertagen werden in den sämtlichen Wirts-
häusern der hiesigen Schultheißerei untersagt, teils wegen Enthei-
ligung des Sonntags, teils wegen zu befürchtenden Händel und
Schlägereien usw. Die Kirchweih und Fastnacht macht hier eine
Ausnahme. Bei diesem gefaßten Beschluß will man für die Zukunft
beharren und jedes Ansuchen der Wirte um Erlaubnis zu Tanzereien,
auch wegen dem wirklichen und wahrscheinlich auch künftigen Geld-
mangel, abweisen”. Das mag ein schwerer Schlag für die Jugend
wie auch für die Wirte gewesen sein, doch Gesetze werden gegeben,
damit sie übertreten werden. Und zudem: was verboten ist, reizt
noch mehr! Spätere Protokolle zeigen deutlich, daß dieses Verbot
oft und oft übertreten wurde.
Ein Protokoll vom 6. Mai 1838 lautet: “Vermöge einer Ein-
klage des Königlichen Pfarramts Tumlingen, daß Christian Kreidler
mit einem Wagen Holz am Ostertag nachmittags 3 Uhr durch Tumlingen
gefahren, wurde derselbe vor das Pfarramt citiert, ist aber nicht
erschienen. Der Schütz hat erklärt, daß er auf dem Bett gelegen
im Vorgeben einer Unpäßlichkeit, dessen ungeachtet hätte er den-
selben abends 10 Uhr im Adler getroffen. Der Vater erschien nun am
6. Mai und gab vor, daß sein Sohn nicht erscheinen könne, weil er
keine Stiefel und Schuhe hätte, dies auf wiederholte Vorladung des
Sohnes. Dem Vater wurde auf getragen, seinen Sohn sogleich anhero
zu senden. Dieser erschien und brachte über das obige Vergehen am
Osterfeste und über das Nichterscheinen vor dem Kirchenkonvent den
30. April ganz unannehmliche Gründe vor, daß sein Pferd das Grimmen
bekommen, deswegen er nach Hause hätte eilen müssen, daß er keine
Schuh gehabt und unwohl gewesen und deshalb nicht auf den 30. April
hätte erscheinen können. – Daher beschlossen, denselben für sein
Vergehen gegen Subordination, nämlich der Nichterscheinung vor dem
Kirchenkonvent und seine rohe Ausdrücke mit 24 Stunden Arrest, für
seine unverschämte Frechheit des Durchfahrens mit einem Holzwagen
durch Tumlingen am Osterfeste mit 48 stündigem Arrest zu belegen”.
Also, volle 3 Tage saß dieser jugendliche Sünder im Kittchen.
Nebenbei sei bemerkt, daß in den Jahren 1840 – 1860 das Dorfarrest
laufend belegt gewesen sein muß, wie es aus den Protokollen jener
Jahre zu entnehmen ist. Schon längst hat das Ortsarrest keine
Insassen mehr gefunden, sodaß es kürzlich ausgeräumt und in einen
Dienstraum für die Gemeindepflege (1963) umgestaltet wurde.
Als Letztes aus den Kirchenkonventsprotokollen sei ein Fall
von sogenannten “Ehe-dissidien” (d.h. Ehezwist) genannt. Schillers
guter Rat: “Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zu
Hersen findet” scheint nicht immer beachtet worden zu sein. In den
meisten Fällen ist es dem Kirchenkonvent gelungen, die Ehe zu retten
und beide Ehehälften miteinander wieder zu versöhnen. Nun eine
dieser Ehegeschichten, wie sie unter dem 23. März 1834 in Gegen-
wart des Pfarrverwesers Schibel, des Schultheißen Sayer, des Gemeinde-
pflegers Steimle, des Heiligenpflegers Faßnacht und des Gemeinde-
rates Nikolaus Steimle verhandelt wurde.

“Anna Weihing, Eheweib des Johann K.. erscheint nun zum drittenmal
und klagt bitterlich, daß ihr Mann, trotz der Vorstellungen und Dro-
hungen und Ermahnungen von seiten des Kirchenkonvents, dennoch fort-
fahre, sie und die 2 kleinen Kinder aus der 2. Ehe zu mißhandeln,
mit Schlägen, Drohungen, mit rohen groben Schimpf reden. Fluchen und
Sakramentieren vor den Kindern Ärgernis und böses Beispiel zu geben.
Ferner zeige ihr Ehemann gar keine Liebe mehr gegen sie und geqen
die 2 kleinen Kinder, gönne ihnen weder Kost noch Pflege, alles sei
zuviel, was die Mutter den Kindern tue, das kleinste Kind habe er,
da es geschrieen, mit der Kappe auf den Mund geschlagen unter
Ausstoßen von Verwünschungen gegen das unschuldige Kind. Weil die
Ehefrau so vielen Verdruß, Angst und Kummer in dem Hause ihres
Mannes habe und sie vielen Plagen und Mißhandlungen ihres launen-
haften Mannes ausgesetzt sich sehe, so könne sie unmöglich mehr
bei demselben bleiben, sei aus dieser Ursache schon öfters entlaufen,
nur um Mißhandlungen und Schlägen zu entgehen. Sie weigere sich,
wenn ihr Mann sich nicht bessere, die Ehe künftig mit ihm fortzu-
setzen” (Die Klägerin wie auch ihre Mutter, die ebenfalls erschienen
war, unterschreiben das Protokoll mit 3 Kreuzchen, da sie schreib-
unkundig sind). Johann K.wurde vernommen, was er gegen obige An-
klagen einzuwenden habe, er konnte aber durchaus nichts dagegen
vorbringen. Der Kirchenkonvent hat sich, wie es aus den vorange-
gangenen Protokollen zu ersehen ist, alle Mühe gegeben, um Ein-
tracht und Frieden in diese zerrüttete Ehe zu bringen, und auch
ist der Beschluß des Kirchenkonvents vom 2. Febr. d.J. vollzogen
worden. K. wurde mit 2 Stunden Arrest belegt, weil er der Ursächer
ist, daß sein Weib aus Furcht und Angst sich wiederum von ihm ent-
fernt habe. Da aber der Ehemann sich vor seinem Weibe schon einige-
male geäußert hat, er frage nach dem Schultheißen und Pfarrer nichts,
und sie sollen seinen Kindern zu essen geben, statt sie beide vor
den Kirchenkonvent zu laden, so glaubt der Kirchenkonvent, daß
alle Vermittlung, Ermahnung, Zurechtweisung vergebens seien und
übergibt deswegen einer höheren richterlichen Behörde , dem
Königlichen Hochlöblichen Oberamtsgericht Horb, die Beschwerden
und Klagsachen der Eheleute zur Entscheidung. Daß diese Ehe nicht
in die Brüche ging, zeigt ein Blick ins Fan-iilienregister, wo
10 Kinder vermerkt sind, 7 davon kamen erst nach obigem Stiri-t zur
Welt. Nach 30-jähriger Ehe (vielleicht auch 30-jährigem Krieg)
starben beide Gatten kurz nacheinander. Ihre Urenkel, die heute
im Dorfe verheiratet sind, wissen wohl nichts von diesem Ehekrach.
Mit diesem letzten Fall sei das alte Kirchenkonventsprotokollbuch
aus den Händen genommen und zur Seite (ad acta) gelegt.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.