§ 12 Von der Lichtkerze und vom Spinnen

§ 12 Von der Lichtkerze und vom Spinnen
Erst seit rund 50 Jahren gibt es bei uns im Dorf elektrischen Strom
und elektrisches Licht. So bequem wie wir hatten’s unsere Ahnen
nicht. Da mußte jeden Tag bzw. Abend die Erdöllampe hergerichtet
werden oder die Stearinkerze, die notdürftig im Winter die Stube
oder die Küche erhellte. Im Sommer konnte man das Licht entbehren:
wenn es nacht wurde, ging man zu Bett u. morgens in aller Frühe
ging man an die Arbeit. Wenn aber die langen Winterabende kamen.
war es nicht so einfach. Arbeit fehlte auch im Winter nicht. Tags-
über war man in der Scheuer beim Dreschen mit dem Dreschflegel,
beim Strohbändermachen oder beim Besenbinden. Abends aber wollte
man noch ein paar gemütliche Stunden in der Gesellschaft zubringen.
Eigentlich waren die Familien selber groß genug, um sich zu unter-
halten und Spiele miteinander zu machen: aber schöner und reizender
war es, zum Nachbar in die Stube zu gehen, heute hier und morgen dort
und am ändern Tag in der eigenen Stube. So saß man beisammen beim
kleinen Schein der Kerze oder Öllampe, die Frauen hatten ihr Strick-
zeug oder Leinen bei sich. die Männer rauchten ihre langen Pfeifen
und die ledige War’ vergnügte sich bei diesem oder jenen Spiel.
Was man sich während der strengen Arbeitsmonate nicht erzählen
konnte, das konnte man bei diesen “Licht-abenden” gründlich nach-
holen: jedes wußte von jedem etwas. Noch ein kleiner Rest von diesen
früheren regelmäßigen Lichtabenden ist geblieben bis auf unsere Zeit
in den gelegentlichen Zusammenkünften bei den einzelnen Familien:
“man geht z’Liicht”. Daß früher diese abendlichen und nächtlichen
Zusammenkünfte auch zum Teil ausarteten, kann man sich denken. So
war es begreiflich, daß die geistliche und weltliche Obrigkeit im
Dorfe gegen die Mißbräuche ihre Stimme .erheben mußten. In den
Kirchenkonventsprotokollen von 1831 – 1860 wird oft Klage darüber
geführt. So ist zum Beispiel unterm 2. Jan. 1837 zu lesen: “Zur
Handhabung der sittlichen Ordnung wurde beschlossen, die Reskripte
der Höheren Behörde (die Verbote der Lichtkerzen und Spinnstuben
betreffend) strenge zu vollziehen. Demgemäß wurden nächtliche Visi-
tationen angestellt und die betreffenden Personen abgestraft. Um desto
eher durchzugreifen, suchte der Ortspfarrer in Begleitung eines der
Gemeinderatsmitglieder besondere Visitationen anzustellen, nachdem
er dieses Verbot von der Kanzel verkündet und auf die traurigen

Folgen aufmerksam gemacht. Dessen ungeachtet fand sich ein solches
lediges Gesinde in einem Privathause. Bei einer wiederholten Visi-
tation am 29. Dez. 1836 ergab sich, daß bei Annäherung der Visitations-
personen zu dem Hause die Läden geschlossen wurden. Auf die Bitte,
man möchte das Haus öffnen, bediente sich die älteste Tochter R. der
rohesten Ausdrücke. Man gab ihr zu verstehen, wenn sie nicht auf-
mache , würde die Sache dem Oberamt angezeigt, darauf von innen die
Antwort: “Das sei ihr egal, sie frage nichts darnach, sie mache eben
nicht auf!” Für diese Frechheit bekam sie dann eine Freiheitsstrafe
von 24 Stunden im Ortsarrest.
10 Jahre später, unter Pfarrverweser Ruetz, mußte wiederum ener-
gisch eingeschritten werden. Am 24. Febr. 1849 befaßt sich der Konvent
erneut mit der “Lichtkerze”: “…..abgesehen davon, daß der leicht-
sinnige Teil des weiblichen Geschlechtes oft bis spät in die Nacht
hinein sündhaften Zusammenkünften nachläuft, ärgerliche Lieder singt,
wovon sich jedermann an den Sonn- und Festtagen überzeugen kann,
besteht hier eine Sitte, die in beweinenswerter Weise Liederlichkeit
und Verderben unter der Jugend verbreitet, das Auslaufen der ledigen
Weibspersonen in die Lichtkerze und Zusammenkünfte in gewissen
Häusern und Familien, bei denen dergleichen Ärgernissen mit Freuden
Tür und Tor geöffnet wird. Dieser Unfug erstreckt sich nicht bloß
auf die Erwachsenen, sondern auch auf die Sonntagsschulpflichtigen.
Niemanden ist unbekannt, was in diesen Lichtkerzen geschieht, und
mehr noch bei dem Nachhausegehen oder Nachhauseführen in später Nacht.
Jedermann weiß, daß Arbeit Nebenzweck, dagegen zweideutiger Umgang,
Befriedigung sündhafter Lust Hauptzweck ist und wer daran zweifeln
sollte, dem würde ein auch nur oberflächlicher Blick in die Tauf- u.
Familienregister die Wahrheit des Gesagten unumstößlich dartun.Die-
sen Übelstand einsehend haben auch schon die Hohen Behörden die Licht-
kerze zu wiederholten Malen amtlich verboten und es sind in dieser
Beziehung sowohl an die untergeordneten Behörden als auch an die
Kirchenkonvente die strengsten Weisungen ergangen. Das Pfarramt kann
nicht umhin’ dem Kirchenkonvent auch diesen Gegenstand zur Beratung
und zur Ergreifung geeigneter Maßregeln zu unterstellen. Derselbe
beschließt: jede ledige Weibsperson, die nach der Betglocke noch außer
dem Hause auf der Straße getroffen wird, ohne daß sie über die Not-
wendigkeit ihres Ausgangs sich auszuweisen vermag, wird mit Arrest
bestraft und zwar Sonntagsschülerinnen doppelt. Jeder Familienvater,
der wissentlich Lichtkerzen in seinem Hause duldet, ist vor den Kir-
chenkonvent zu rufen, nach Befund mit Geld oder Arrest zu bestrafen,
im Wiederholungsfalle dem Königlichen Oberamte zu weiterer Verfügung
anzuzeigen.”
Neue Besen kehren gut, sagt das Sprichwort. Pfarrverweser Ruetz,
der kurz zuvor in die Gemeinde kam, hatte in den Akten feststellen
müssen, daß z.B. im Jahre von den 46 Geburten nicht weniger als
16 uneheliche Kinder waren. Sieben solcher unehelicher Kinder kamen
hintereinander auf die Welt. 1844 waren 29 eheliche und 7 uneheliche
Kinder getauft worden.
Schon zu sehr hatte sich die Lichtkerze eingebürgert, als daß
sie hätte unterbunden werden können. Man ging weiterhin zur Licht-
kerze und nahm das Risiko einer Bestrafung auf sich. So ging es
am 28. Jan. 1861 auch den 14 Burschen und Mädchen, die bei der Licht-
kerze angetroffen wurden und dafür nun je 12 Stunden zu “brummen”
hatten. Die späteren Protokolle haben kaum mehr die Lichtkerze
zum Inhalt. Entweder stellten sich die Lichtkerzen in ein besseres
“Licht”, oder haben die Behörden ihren Kampf erfolglos aufgegeben.
Die Wahrheit wird hier wohl in der Mitte liegen!

In den Lichtstuben wurden nicht bloß “geratscht”, gesungen und ge-
spielt, man hat auch nützlich die Zeit verbracht: die Mütter und
Frauen saßen am Spinnrädchen und Spinnrocken. Alle Wäsche und alle
Kleider, die man trug, die Bettücher, Handtücher, alle Säcke, die
Aussteuer der Töchter, gar alles wurde selbst verfertigt. Auch die
Stricke und Stränge für die Pferde waren eigenes Erzeugnis. So baute
jeder Bauer auf mehreren Äckern Hanf und Flachs an. Aus Hanf wurden
die groberen Gewebe hergestellt, feines Leinen aus Flachs. Die Flachs-
bereitung ist sehr mühsam und das eigenste Geschäft der Frauen und
Mädchen. Sobald der untere Teil des Stengels gelb wird und die Blät-
ter abfallen, wird der Flachs “gerauft”, d.h. samt der Wurzel aus der
Erde gezogen. Der ausgezogene Flachs wird geriffelt, geröstet, ge-
brochen, geschwungen, gehechelt, gesponnen, gehaspelt, gewoben, die
Leinwand schließlich gebleicht und zum Teil gefärbt. Zum Trocknen
und Rösten wird der Flachs auf dem Feld ausgebreitet, gedörrt meist
in Dachstuben oder Backöfen, auch in der Nähe von offenen Feuer-
stellen draußen in den sogenannten Brechlöchern. In Grünmettstetten
gab es 4 solche Stellen, wo die Frauen zum Flachs- und Hanf brechen
zusammen kamen: das eine Brechloch befand sich in der Nähe des Fried-
hofs, ein zweites bei Schreiner Saier, ein weiteres in der Kohlgrub
und das letzte an der Straße nach Tumlingen. Dort gab es auch man-
chen Spaß, vor allem, wenn ein vornehmer Herr am Brechplatz vorüber
ging. Eine Brecherin nahm eine Handvoll Werg. das Abfallprodukt vom
Hecheln, und trat vor den Herrn hin, breitete das Werg vor ihm aus
mit folgendem Spruch: “Dem Herrn tritt ich für,
3 Batzen sind nicht viel,
Krieg ich mehr,
ist mir ein’ Ehr.
Krieg ich nix.
so wünsch ich dennoch Glücks
dem Herrn für alle Ziel,
daß ihm nichts Böses gschieht”!
Auf diesen Spruch hinbekam dann die Zettlerin ein Geldgeschenk.
In der Winterszeit wurde nun in den Spinnstuben das Garn gesponnen
auf der Spindel oder dem Spinnrad. Wenn es soweit war, hatten die
Weber im Dorf die Hände voll zu tun. Wie schon erwähnt, gab es ver-
schiedene Weber im Dorf. Heute noch mag in manchen alten Bauern-
truhen selbstgewobenes Leinen lagern, als letztes Erbstück und Er-
innerung aus Urgroßvaters Zeiten. Auch das Spinnrädlein hat heute
in der modernen Wohnung des Traktorbauern keinen Platz und keine
Berechtigung mehr. Schade, daß die Frauen nicht mehr spinnen!

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