§ 11 Von schönen Kleidern und alten Bräuchen

§ 11 Von schönen Kleidern und alten Bräuchen
Der Volksmund sagt: “Rot und blau gibt ‘ne schöne Bauersfrau”. Das
war einmal. Heute gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Stadt
und Land: auch das Land ist “städtisch” gekleidet. Schade, daß die
Trachten immer mehr aussterben. Nur noch gelegentlich eines Festes
treten die Trachtengruppen auf und sie werden wegen ihres Gewandes
vielmals bestaunt. Bei den Landfrauen hat sich die ursprüngliche
Volkstracht länger erhalten, in den Gäugemeinden finden wir noch
vereinzelte Trägerinnen, in den Schwarzwaldtälern (Schapbach,
Wolf ach) sind die Trachten noch Festtagsschmuck. Die Männer haben
weit früher ihre “Lederhosen” ausgezogen. Der Dorfälteste Oswald
Walz (geb. 1873) erinnert sich aus seiner frühesten Jugend nur noch
an einen Trachtenträger, Konrad Kaupp = Urgroßvater von
Konrad Kaupp). Wilhelm Neff (gest. 1950)hat sich sehr um die Er-
haltung der alten Dorfkultur eingesetzt. Er schreibt in seinen
Grünmettstetter Notizen, die zum Teil in der Heimatbeilage der Horber
Zeitung einstens abgedruckt wurden: “Die Grünmettstetter Bauerntracht
hatte bei den Dornstetter, Nagolder und Horber Bauerntagen sowie
auf der Trachtenschau in Stuttgart allgemeine Bewunderung erregt.”
Lassen wir Wilhelm Neff selber zu Wort kommen: “Unsere Großväter
als echte Schwarzwaldbauern trugen am Sonntag schwarze, teils auch
gelbe Lederhosen mit Halblangstiefeln, weiße Strümpfe oder lange
schwarze bzw. blaue Strümpfe mit Schuhen, rote oder schwarze samtene
Westen mit Rollknöpfen aus Blei, manchmal auch vergoldet oder ver-
silbert, je nach Vermögen: ferner langen Blaurock mit Talerknöpfen
und roter Fütterung, weißes Hemd mit aufrechtem oder umgelegten Kragen,
ein schwarzseidenes Halstüchlein und einen großen schwarzen Randhut
anstelle des früheren Dreispitzes.
Die Frauen trugen weiße Strümpfe, schwarze lange Tuchröcke
sowie schwarze, rote, braune, grüne, blaue (je nach Festtag) Mützen,
mit gelösten Bauschärmeln, dazu einen Schurz. Als Kopfbedeckung
trugen sie eine große schwarze Radhaube mit verschiedener Zierung.
Ganz früher waren die schön verzierten Schappeln Mode, vor allem
war die Braut mit der Schappel bekleidet, daher der sogenannte
Schappeltanz (= Brauttanz).
Die Mädchen trugen schwarze Röcke mit roten oder schwarzen
Miederleibchen und weiße Hemden und weiße Schürzen, dazu lange Zöpfe.”
Soweit der Bericht von Neff. In den amtlichen Aussteuer-Verzeichnissen
sind alle diese einzelnen Kleidungsstücke als des Manns oder des
Weibs “Allatum” (= Beigebrachtes) genannt.
Wenn nun schon von der Hochzeit die Rede ist, soll jetzt etwas
über die verschiedenen Hochzeitsbräuche gesagt werden.
Das älteste Eheregister bei den Pfarrakten trägt den Titel:
“Liber Intronizatorum seu Matrimonialiter Copulatoruro 1659”. Mit
dieser “Inthronisation” ist die feierliche Verlobung gemeint, die
für gewöhnlich der kirchlichen Eheschließung vorausging und meist
auch feierlicher gestaltet wurde wie der Eheabschluß selber. Nach
den alten Akten wurde diese Intronisation (=feierliches Eheversprechen) rund 14 Tage früher gehalten. Dieser feierliche Akt wurde in der
Kirche vollzogen. Anschließend wurde die Aussteuer der Braut in
das Hochzeitshaus gebracht. Am Tag der ehelichen Verbindung wurde
die Braut von den Ehrengesellen in das Gotteshaus geleitet. War die
Braut von auswärts, dann wurde sie von den ledigen Burschen des Dor-
fes hoch zu Roß in der Brautkutsche abgeholt. Vielfach zogen auch die
Musikanten in einem besonderen Wagen mit. Der Anführer der Hochzeits-
reiter trug den Brautspruch vor, worauf die Reiter von den Braut-
eltern mit Bier und Brezeln bewirtet wurden. Nach der Stärkung
sangen die Burschen das Brautlied und führten anschließend die Braut
in der Kutsche zur Kirche (zum Hochzeitshaus). Dort wurde für gewöhn-
lich nochmals das Brautlied gesungen. Dieser Brauch hielt sich bis
zum Jahre 1950. Der Verfasser hat selber noch 2 solche festliche
Abholungen von auswärtigen Bräuten (Frau Josef ine Kaupp und Frau
Barbara Saier, beide aus Bittelbronn) erlebt. Durch eine mehr als
10-jährige Unterbrechung wäre beinahe dieses alte Braut- oder Hoch-
zeitslied untergegangen. Im Jahre 1951 hat der Schreiber dieser
Zeilen nach dem Vortrag des 70-jährigen Sängers Johann Küne das Lied
zu Papier gebracht. Möge es erhalten bleiben! Woher das Lied kommt,
wer es gemacht, wie alt es ist, niemand kann Bescheid geben. Die Ver-
mutung liegt nahe, daß ein alter Grünmettstetter Spielmann hier im-
provisiert hat. Mangelnder Reim und wiederholende Melodieführung
verraten eine “niedere” Herkunft. Das Lied lautet s
(Anmerkung: Bei der 2. Strophe bedenke man, daß das feierliche kirch-
liche Verlöbnis schon vorbei ist).
Am Vorabend der Hochzeit, meist Polterabend genannt, wird bnw.
wurde das Brautpaar””versoffen”, d.h. das Brautpaar ladet die le-
digen Burschen und Madchen in eine Wirtschaft (womöglich bei Ver-
wandten) zu einem Faß Bier ein. Am Hochzeitstag selber ist das Hoch-
zeitshaus offen für alle Gäste: sie mögen sehen, wie das Haus her-
gerichtet. was alles in den Schränken ist an Leinwand. Porzellan und
Silber. Diese “Inspektion” könnte vielleicht eine letzte Erinnerung
an die frühere Bestandsaufnahme von amtswegen sein. Wer das Hochzeits-
haus besucht, bekommt die sogenannte “Morgensuppe” (meist Kaffee und
Kuchen) serviert. Natürlich ist nicht zu verhindern, daß die übermü-
tige Jugend dem Brautpaar einen Schabernak spielt. Was ist da schon
alles ausgeheckt worden? Wenn das Brautpaar nach der Trauung aus
der Kirche auszieht, muß es sich zuerst loskaufen: die Ministranten
sperren den Weg mit einem Seil ab und nur wer zahlt, wird durchgelas-
sen. In der Wirtschaft folgt zuerst der Brauttanz (früher Schappel-
tanz genannt), währenddessen die Ledigen (bis zur Inflationszeit)
mit Wein bewirtet wurden, jetzt nur noch mit Bier. Nach dem Brauttanz
gehen die Ledigen ebenfalls auf Kosten der Brautleute in eine andere
Wirtschaft zum Bier (bei der Hochzeit selber wurde früher nur Wein
ausgeschenkt!). Der Brautjungfer, Gespielin genannt, wird heimlich
(meist während des Festmahles) von den ledigen Burschen ein Schuh
abgezogen, den dann, auf einem Teller serviert, der Hochzeitsgesell
zurückkaufen muß; meist geht es nicht unter 4-5 Flaschen Wein ab.
Gesell und Gespiel haben auch auf die Braut zu achten, die jungen
Burschen entführen die Braut in eine andere Wirtschaft, ja sogar
in ein anderes Dorf und zechen auf die Kosten des Hochzeitsgesellen.
Mehr und mehr verschwinden die öffentlichen Hochzeitsfeiern, mit
ihren zum Teil schönen, zum Teil weniger schönen Bräuchen. Es bahnt
sich mehr und mehr die schlichte und feine familiäre Hochzeitsfeier
an. Die übliche Hochzeits-“schenke” hat allmählich einen üblen Ge-
ruch.
Auch der Hochzeitsmetzger darf an diesem Tag nicht übersehen
werden. Bekommt er von der Gespielin nicht ein paar gute Zigarren,
dann wird ihr beim Festmahl das “Sauschwänzle” serviert.
Ihre goldenen Eheringe brachte das Brautpaar in ein Tüchlein ge-
hüllt zum Traualtar. Das Tüchlein durfte dann der Pfarrer behalten.
Davon soll noch eine köstliche Episode erzählt sein aus den Zeiten
von Pfarrer Schraivogel (1843). Er macht in der Pfarrchronik die
Bemerkung: “In Bittelbronn erhielt der Pfarrer von den Brautleuten
jeweils ein “Nastuch”. Dagegen gab der Pfarrer ein anderes Geschenk.
Der hochweise Schultheiß Dettling aber kam auf den Gedanken:”Geschenke
sind freiwillige Gaben, folglich seien die Brautleute auch nicht
dazu verpflichtet, das Nastuch zu geben”. Der Pfarrer erhielt also
seit 1843 kein Nastuch mehr. Dagegen gab er auch kein Hochzeits-
geschenk mehr. Diese Notiz schließt mit der Feststellung; “Es
ist so vorteilhafter!”.
Auch das Sterben ist mit christlichem Brauchtum umgeben. Wenn
eines stirbt, so hält man Totenwache mit allstündlichem Gebet. Vom
ganzen Dorf werden sogenannte Weihwasserbesuche gemacht. Im Trauerhaus
wird 8 Tage lang der Rosenkranz gebetet (seit mehreren Jahren für
gewöhnlich in der Kirche). In früheren Zeiten wurde, solange der
Tote in der Wohnung daheim aufgebahrt war, Nachtwache mit Gebet ge-
halten. Mehrere unliebsame Vorkommnisse, vor allem durch Jugendliche,
gaben Anlaß, diese Nachtwachen in die Kirche zu verlegen und wurden
später ganz aufgegeben.
Wird der Stammhalter einer Familie getauft, so wird während
der Taufe bzw. beim Auszug aus der Kirche “geschossen”. Natürlich
muß der Vater seine Börse öffnen und den “Krachmachern” eine
Entschädigung reichen.
In der Nacht zum ersten Mai wird von den jungen Burschen den
Mädchen ein “Maien” aufs Dach gesteckt. Ein dürres Maibäumchen auf
dem Dach wäre eine schwere Beleidigung. In dieser Mainacht wird hier
wie anderswo mancher Unfug getrieben. Güllenfässer sind weggerollt,
der Wagen wird abmontiert oder auf das Dach getragen. Gartentore
ausgehängt und versteckt.
Ein Vorrecht der Schüler der obersten Klassen ist das
“Judas-verbrennen” am Karsamstagmorgen. Tage zuvor werden Kleider
mit Stroh ausgestopft. Dieser Judas wird dann versteckt, daß die grös-
seren Burschen ihn nicht stehlen können. Am Karfreitag ziehen die
Schulkinder mit Handwagen durchs Dorf und betteln Holz für den Ju-
das. Am Karsamstagmorgen wird das geweihte Feuer, nachdem es nicht
mehr benützt wird, nachgeschürt, in seiner Nähe ein Galgen aufgestellt,
der Strohmann daran aufgehängt und nun über dem Feuer verbrannt. Bis
vor 10 Jahren geschah das zwischen Kirche und Schulhaus. Seitdem
wird der Judas außerhalb des Dorfes in aller Frühe verbrannt (die
Änderung hängt auch mit der neuen Liturgie am Abend zusammen I)
Am Palmsonntag tragen die Schulbuben ihren Palmen in die Kirche.
Der Palmen muß aus ganz bestimmten Zweigen bestehen und wird für
gewöhnlich von den Vätern daheim gebunden. Die 3 schönsten Palmen
werden prämiiert. Wer nach dem Gottesdienst als letzter seinen
Palmen findet, wird Palmesel. Das hatte zur Folge, daß bei Ende des
Gottesdienstes ein wildes Drängen und Springen über die Bänke hinweg
einsetzte. Seitdem der “Palmesel” auch prämiiert wird und eine Mark
erhält, ist die Schande, Palmesel zu sein. gar nicht unangenehm. Für
eine Mark ruft der gewordene Palmesel gerne laut über den Kirchplatz
hin, zur Gaude für alle Kirchenbesucher: “Ich bin der Palmesel l”
Seit dem Dreikönigsfest 1962 ziehen die Ministranten als Stern-
singer mit farbenprächtigen orientalischen Gewändern bekleidet durchs
Dorf und singen ihr eigenes Grünmettstetter Sternsingerlied, das Pf r.
Schneider verfaßt und komponiert hat. Die eingesammelten Spenden fal-
len der Mission zu.

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